Der Anstieg der Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien steht weit oben auf dem Sorgenbarometer der Schweizer Bevölkerung. Das Gesundheitswesen krankt an immer mehr Gebrechen. Für viele Versicherte sind die Prämien nicht mehr tragbar. Das Gesundheitswesen ist ein hochkomplexes System mit vielen Mitspielern mit unterschiedlichen Interessen und grosser politischer Relevanz. Das Kostenwachstum ist ein Resultat aus vielen verschiedene Faktoren und benötigt dementsprechend auch verschiedene Lösungsansätze.

 

Trotz der allgemeinen Tendenz, dass die Gesundheitskosten seit Jahrzehnten in westlichen Ländern steigen und dies unabhängig von Organisationsform, gibt es viele Stimmen die mehr Privatisierung, mehr Markt, mehr Wettbewerb fordern. Das Absurde an dieser Argumentation ist, dass ausgerechnet das Gesundheitswesen, das am stärksten nach diesen Rezepten funktioniert, dasjenige der USA nämlich, am teuersten ist und auch die grösste jährliche Kostensteigerung seit den 1980er Jahren aufweist.

Denn Gesundheit funktioniert nicht nach dem Wettbewerbsprinzip. Es gibt weder – ausser etwa hinsichtlich Medikamenten oder Verbandsmaterialen – Produkte, noch auf Märkten entstandene Preise. Daher können Markttheorien, wirtschaftstheoretisch gesehen, gar nicht adäquat auf das Gesundheitswesen angewendet werden. Es braucht viel mehr kluge staatliche Regeln zum sozialen Ausgleich, zur Kostendämpfung und für die Gesundheitsförderung.

Ich setzte mich ein, für die Einführung einer öffentlich kantonalen oder einer öffentlichen nationalen Krankenkasse ein, die für alle Leistungen zuständig ist, die durch die obligatorische Krankenversicherung abgedeckt sind. Die Prämien dürfen nicht 10 Prozent des Haushaltseinkommens übersteigen & sollten einkommensabhängig sein.

Ambulante und stationäre Behandlungen müssen auf die gleiche Art finanziert werden. Heute finanzieren die Kantone nur stationäre Behandlungen mit, das führt dazu, dass die eigentlich günstigere Variante, die ambulante Behandlung, die Krankenkassenprämien in die Höhe treiben.

Hand in Hand mit der Kostenfrage geht der, in allen Bereichen der Pflege, allzeit präsente Personalmangel. In der Schweiz sind die Pflegefachleute die Berufsgruppe mit dem höchsten Personalmangel. Seit Jahren wird nicht einmal die Hälfte des Bedarfs an diplomierten Pflegefachleuten ausgebildet. Und fast die Hälfte aller Pflegenden wollen ihren Beruf aufgeben.

Entgegen dem häufig genannten Argument für den Pflegefachmangel: der „Alterung der Gesellschaft“, liegen die Gründe für den Fachkräftemangel vielmehr in der Ökonomisierung der Pflege.

Die Situation wird zusätzlich verschärft durch die Zunahme der Zahl der Patient*innen nimmt im Zuge der Demografie und den neuen medizinischen Möglichkeiten. Wir haben es heute mit Menschen in deutlich komplexeren gesundheitlichen Situationen zu tun. Chronische Erkrankungen mit einem erhöhten Pflegebedarf sind auf dem Vormarsch. Dies benötigt die Expertise von gut ausgebildetem Personal. Die Schweiz ist zudem zunehmend auf die internationale Rekrutierung angewiesen und zwar viel stärker als die Gesundheitssysteme der umliegenden Länder. Dieses Phänomen hat internationale Auswirkungen. Durch Abwanderung von qualifizierten Pflegefachleuten entstehen in deren Herkunftsländer nicht nur Versorgungslücken, sondern diese gehen auch ihren Bildungsinstitutionen verloren.

Die angesprochenen Themen gehen tiefer als die «einfachen Forderungen» einer Berufsgruppe, denn sie betreffen uns alle und insbesondere die Menschen die Hilfe und Unterstützung am nötigsten haben. Fast jede Person benötigt im Verlauf ihres Lebens Pflege, entweder zu Hause, im Spital oder im Heim. Es geht um die Patientensicherheit.

Als Delegierte beim Schweizerischen Berufsverband für Pflegefachpersonen (SBK) setzte ich mich für die Anliegen der «Pflegeinitiative» ein. Dies beinhaltet:

  • Es braucht dringend Investitionen in die Ausbildungsfinanzierung. Der Bund soll Beiträge ausrichten an die Kantone zur Finanzierung bzw. Erhöhung der Ausbildungs- und Praktikumslöhne für die höhere Berufsbildung in der Pflege.
  • Ich setzte mich für eine Einführung einer Pflegequote ein. Für wie viele Patient*innen soll eine diplomierte Pflegefachperson zuständig sein? – dies soll eine Qualitätsvorgabe sein. Die Patientensicherheit kann nur mit genügend qualifizierten Pflegefachpersonen gewährleistet werden. Studien belegen zudem klar, dass eine gesetzlich vorgegebene Pflegequote die Pflegequalität erhöht, die Burnout-Rate und die Kosten senkt sowie die Rückkehr von Pflegefachpersonen in den Beruf fördert.
  • Heute muss in der Spitex und im Heim für jede pflegerische Handlung, z.B. das Anziehen von Kompressionsstrümpfen oder die Unterstützung bei der Körperpflege, eine pro-forma-Unterschrift des Arztes eingeholt werden. Dies verursacht unnötige Leerläufe und Kosten. Typische Pflegeleistungen, wie beispielsweise Bedarfsabklärungen und Beratungen sollen direkt mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Diagnostische und therapeutische Massnahmen, wie die Verabreichung von Medikamenten, verordnet weiterhin der Arzt. Diese klare Regelung der Kompetenzen bringt mehr Effizienz und spart Geld.
  • Die finanzielle Abgeltung der pflegerischen Leistung entspricht dem Pflegeaufwand – dies ist leider mit den heutigen Finanzierungsmodellen nicht gegeben – die pflegerische Leistung (auf Grund des Pflegebedarfs) ist unterfinanziert.
  • Die Masterstufe Pflege FH muss geregelt werden im Bundesgesetz für Gesundheitsberufe.

Familienangehörige wenden für die Pflege von Erwachsenen im eigenen Haushalt rund 40 Millionen Stunden im Jahr auf, wie das Bundesamt für Statistik berechnet hat. Das ist eine beachtliche Leistung, die mit einer grossen emotionalen, zeitlichen und finanziellen Belastung einhergeht. Auch aus ökonomischer Sicht ist dies relevant, denn der Bund spart enorme Kosten, wenn möglichst viele Menschen, möglichst lange zu Hause von der Familie gepflegt werden. Die pflegenden Angehörigen müssen dringend besser unterstützt werden.

Nachdem die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich lange auf die Betreuung von Kindern beschränkte, wird erst in den letzten Jahren auch die Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Beruf thematisiert.